Gertrude Degenhardt Porträt im Muschelhaufen 47/48 (2007)
Rede zur Ausstellungseröffnung, Kunstverein Borken, 6. Mai 2007




Bilder, auf dass das Leben bleibe



Sie zeichnet, was sie sieht
Hinter den Augen
Wir sehen, was wir waren, was wir sind
Sie zeichnet, was sie treibt
Und immer
Wenn das Leben sie erinnert
Sucht sie den Worten Bilder
Dass es bleibt

Meine Damen und Herren, liebe Gertrude Degenhardt: Mit diesen Worten wird meine Rede in gut 15 Minuten enden, so Sie dann noch hier sein werden. Meine Frau hatte nämlich einen Traum. Wir waren bei der Ausstellungseröffnung, und ich hätte von Konsortialverträgen - was auch immer das sein mag - gesprochen, woraufhin alle Besucher gegangen wären.
Na ja, vielleicht bleiben Sie ja doch.
Wie kann eine Einführung in das Werk der großartigen Künstlerin Gertrude Degenhardt aussehen? Viele Leute sagen, man weiß kaum etwas über sie. Sie ist so verschlossen, gibt keine Interviews, und es gibt fast nichts über sie zu lesen.
Dem muss ich widersprechen. Wenn man alle Publikationen, Essays, Porträts, Erwähnungen, Berichte, Zeitschriften, oder Bücher sammelt, kommt doch schon einiges zusammen in den mehr als 40 Jahren ihres künstlerischen Schaffens. Und wenn man dann noch das Glück hatte, die Familie Degenhardt privat kennen zu lernen, kann man irgendwann selbst darüber schreiben. Ich durfte dies vor kurzem in der Jahresschrift für Literatur und Grafik - dem Muschelhaufen - tun. Sie können sich auf 24 Seiten gerne davon überzeugen.

Aber was soll ich Ihnen nun erzählen? Ich will eine von Gertrudes eigenen Techniken bemühen:
Man greife sich einige Spinnwebenfäden und verklumpe sie zu flächigen Nestern. Die Zutaten sollen privat genug, persönlich, aber nicht indiskret sein. Sie sollten sich über ihre gesamte Schaffenszeit erstrecken, ihre künstlerischen Techniken und ihre Bedeutung in der Kunstszene heraus arbeiten, aber nicht in wissenschaftlich, akademischer Unverständlichkeit enden und um Gottes Willen keine Lobhudeleien enthalten. Nein, das Wort 'kongenial' werde ich heute nicht verwenden. Die Worte sollten, wie ihre Bilder, Musik und Feuer entfachen.
Ferner darf ihre Bedeutung als Frau in einer immer noch von Männern geprägten Welt und ihre politische Aussagekraft nicht vergessen werden. Unbedingt muss etwas über die Rolle der Musik, Irlands und der Familie gesagt werden.
Die folgenden 8 Wortbilder seien ein Versuch, Ihnen, meine Damen und Herren, eine Skizze zu zeichnen - in aller Unvollkommenheit - in Form einer Vagabondage in die faszinierende Welt der Gertrude Degenhardt.



1. 'Fast ein Interview mit Gertrude Degenhardt' Ursula Lücking 1967 in Hessische Jugend, F. a. M.

Ursula Lücking ist Journalistin und war eine der frühen Weggefährtinnen Gertrudes.
Ein Auszug aus ihrem Artikel:
'Sie kuschelt sich ein in die wärmende Umgebung des Freundeskreises. Gespräche, Qualm, Flaschen, Hände, Gesichter, Puppenwagen und Radio - das kleine Zimmer scheint zu bersten. Es ist randvoll mit Leben. Ihre Hände sind immer in Ekstase. Sie streicht damit imaginäre Haare aus ihrer Stirn. Sie greift sich damit ein Wort aus der Luft, spielt mit ihm, wirft es hoch, holt es wieder, lässt es kullern, sich ausbreiten, verfolgt es, packt es, setzt es um in subtile, grafische Zeichen.
Literarische Texte, Chansons und Geschichten beginnen neu zu leben. Spitzfindige Gespinste - Eros und Angst paaren sich zur Kumpanei. Begriffe, abgegriffene, werden reduziert und neu buchstabiert. Auf dem Papier entsteht phantastische Satire. Gertrude Degenhardt - auch eine Alice im Wunderland...'

Ich habe die Autorin des Artikels vor kurzem in Frankfurt besucht und sie erinnerte sich:

'Wir waren bereits für die Mainzer Studentenzeitung 'nobis' zusammen aktiv. Unter dem Motto 'Die Schindmähre ist gesattelt, wir gehen zu Fuß' sind wir im November 66 vom Mainzer Hauptbahnhof zu einem Schweigemarsch gegen die große Koalition von SPD, CDU, CSU und BILD aufgebrochen. Gertrudes Schwarzweiß-Poster im DIN-A-0-Format hingen damals in jeder WG-Küche. Auch bei engagierten Lehrern, Redakteuren oder Gewerkschaftern gehörten die Degenhardt-Bilder sozusagen zum Wohndesign und waren Ausdruck einer anderen Lebensform.'

Soweit Ursula Lücking.



2. 30 Jahre später: Vom Schallplatten sammeln und meinem ersten Besuch bei den Degenhardts

Mein Interesse an ihren Arbeiten begann während meiner Schulzeit. Im Deutschunterricht hörten wir den 'Deutschen Sonntag' und die 'Schmuddelkinder' von Väterchen Franz. Was in diesen Liedern so passierte, kam mir allzu bekannt vor. Da sang jemand über die spießigen Verhältnisse in der deutschen Kleinstadt. Klar, dass ich diese Platte haben musste. Im Plattenladen gab es aber noch eine zweite Langspielplatte des Bänkelsängers, den 'Wildledermantelmann'. Diese war beidseitig illustriert. Besonders die dem Chanson 'Im Gonsbachtal' zugrunde liegende Radierung gefiel mir: Ein sehr bürgerliches Gelage fand da im Garten der Künstlerin in Mainz Gonsenheim statt - wo die Häuser sich noch wärmen, weil sich eins ins andre schiebt.
Wie gerne wäre ich dabei gewesen und hätte den Liedern und Geschichten gelauscht. Doch den Originalschauplatz des Geschehens sollte ich erst 15 Jahre später kennen lernen. Inzwischen sammelte ich die von Gertrude Degenhardt illustrierten Schallplatten.

Im Sommer 1993 erfuhr ich dann eher zufällig in einer Galerie in Mainz Adresse und Telefonnummer.
Am liebsten hätte ich damals an Ort und Stelle zum Telefonhörer gegriffen, wenn nicht gerade Mittagszeit gewesen wäre und man mir zu verstehen gegeben hätte: 'Um Gottes Willen, stören sie die Degenhardts doch nicht beim Mittagsschlaf.'
Doch es verging nicht viel Zeit, bis ich mit Martin Degenhardt, Gertrudes Mann und Verleger, ein Treffen in Mainz Gonsenheim verabredete.
Aufgeregt vor einer blauen Holztüre stehend, klingelte ich schon das zweite Mal. Ob niemand zuhause war? Da öffnete sich ein Fenster im Nachbarhaus und eine ältere Dame sagte, ich solle ein wenig Geduld haben, es würde schon noch jemand kommen. Plötzlich bewegte sich im ersten Stock der Klosterstraße 1 1/10 eine Gardine, und ein bärtiger Mann schaute zu mir hinab.
Kurze Zeit später stand dieser vor mir und führte mich in einen Raum, der angefüllt war mit ...' - meine Damen und Herren, ich befinde mich gerade im Privatbereich der Degenhardts und das sollte er auch bleiben.



3. Gehen wir wieder zurück in die 60-er Jahre und zwar zur Kumpanin der Liedermacher

Das Thema Folklore, Musizieren, Tanz beherrscht bis heute Gertrudes Bilderwelt. Schon von Anfang an war sie die Kumpanin der Liedermacher.
Martin Degenhardt beschrieb 1966 in der 'Mainzer Zeitung' über das 3. Waldeck-Festival 'Chanson-Folklore-International', was sich damals anbahnte. Sie können es im Muschelhaufen nachlesen.
Irgendwie dreht sich seitdem bei Gertrude Degenhardt alles um die Musik. Mittlerweile gehören die Walzer-, Musette- und Zamba-Kompositionen von Tochter Annette genauso zur schöpferischen Inspiration wie die Musik und das bunte Treiben in den Pubs der grünen Insel, die alljährlich in den Sommermonaten zur Wahlheimat geworden ist.

Kürzlich fragte ich den Schallplattenproduzenten Carsten Linde, wie er ihre Beziehung zu den Folksängern und Liedermachern damals erlebt hatte:

Ich zitiere:
'Die haben sich seinerzeit zusammen eine ganz neue, eigene Kultur geschaffen. Gertrudes Phantasien beeinflussten viele Musiker und haben diese noch mehr gegen den Strich gebürstet. Sie hat das Lebensgefühl jener vom Mainstream abweichenden Szene gut ausgedrückt und war Kumpanin, mit der man Nächte durchzechen, singen und fröhlich sein konnte.'



4. Politisches Einmischen

Nie verliert Gertrude den Bezug zu den politischen und gesellschaftlichen Realitäten, bzw. den Ängsten und Nöten, die den Menschen bewegen. So unterstützt sie beispielsweise den Kampf der IG-Metall um die Einführung der 35-Stunden Woche mit dem Plakat '35 Stunden sind genug'. Darauf ist eine Historie des schrittweisen Durchsetzens kürzerer Wochenarbeitszeiten zu sehen, ein Protestmarsch, den man in Zukunft wohl in eine etwas andere Richtung ergänzen müsste.
In den Sechzigern bezieht sie Stellung gegen die Wiederaufrüstung, indem sie eine Soldatenschar in den Tod ziehen, d.h. ganz allmählich in einen Haufen von Skeletten übergehen lässt. Das Blatt findet eine Neuauflage, als es um den Einsatz der Bundeswehr bei Kampfeinsätzen im Ausland geht.
Mit der Folge 'Die Fratze spielt auf' beteiligt sie sich nach den Geschehnissen Anfang der Neunziger in Rostock, Mölln, Hünxe, Hoyerswerda... an einem Buchprojekt des Landes Rheinland-Pfalz gegen Rechtsextremismus und Fremdenhass. Hitler setzt sie in diesem Zusammenhang in 'So soll es bleiben' als Vogelscheuche noch einmal abschreckend ins Rampenlicht.



5. Gertrude Degenhardt und Irland

Fiddler, Pints, Sean Nůs Gesänge, mystische Phantasiegeschichten, Trinker vor dem Herrn, das ist die Welt, aus der ihre bizarren Traumgestalten entspringen. Sie schafft es, in die Atmosphäre des Landes, der skurrilen Käuze und melancholischen Landschaften einzutauchen, ja sogar eins mit ihnen zu werden. In den Pubs fängt sie die hinter Torffeuer- und Zigarettenqualm liegenden Stimmungen ein. Sie lässt die Musik der armen Leute, der Vaganten, Stromer, Verzückten, traumverlorenen Kreaturen mit Pinsel und Radiernadel erklingen. Sie protegiert diejenigen, die auf die Prozente des Schnapses mehr geben als auf Bausparverträge und Dividenden.
Da atmet das utopische, zutiefst soziale Herz einer Frau, die es gelernt hat, sich in einer Männerwelt zu verwirklichen. Nicht nur sie selbst, nein auch die Frauen ihrer Bilder haben das gelernt. Sie hielten Einzug in die irischen Pubs, Männer werden beim Tanz von ihren Partnerinnen einfach mal so durch die Luft gewirbelt, und auch die Vagabunden dieser Welt haben längst weibliche Gesellschaft bekommen.

Der Galerist Tom Kenny, der in Galway an der irischen Westküste eine wunderschöne Art-Galerie unterhält, hat im Schaufenster immer was von Gertrude hängen. Er sagte einmal, manchmal könne man Passanten beobachten, wie sie am Schaufenster versuchten, die surrealen Bewegungen der tanzenden oder betrunkenen Bildgestalten Gertrudes nachzuahmen.
Der Musik und dem Tanz verfallene, dem Alltag entrückte Könner ihres Metiers, entfliehen ihren irdischen Vorgaben von Erdanziehung und Körperlichkeit und die Phantasie der Betrachter mit ihnen.



6. Die Musikfrauen - Vagabondagen

'Exzentrikerinnen, die sich aussetzen, sich entblößen. Sie verstehen sich auf die Schau. Versierte, die wissen, worauf's ankommt, auf Blumen und Bänder im Haar, sinnliche Lockenmähnen, Hüte und Kappen, den ganzen nostalgischen Tand - dem Auge ein Fest und zugleich unerhörte Irritierung.', so Christa Spatz in Musikfrauen - Women in Music -, 1990.

Die Serie hatte ihren Ursprung im Spätherbst 1979. An der irischen Westküste skizzierte Gertrude Degenhardt vier Frauen, die am Hang einer kleinen Bucht im Abendlicht ihre eigenen Kompositionen spielten. Mit Können, Aufruhr, Spottlust und Wehmut spielten da ausgebildete, aber arbeitslose Musikerinnen, die durch die Lande zogen, sich so durchschlugen und besessen von ihrer Kunst nicht unterkriegen ließen. Das Unbedingte bzw. der unbequeme Weg des Lebens kamen der Auffassung Gertrudes von Kunst sehr entgegen.



7. Wenn sie malt

Am liebsten ist es mir, wenn sie zum Bleistift greift und direkt in eines ihrer Bücher zeichnet. Hoch konzentriert und aus einem Guss fließen dann die Schwünge der Linien in unglaublicher Präzision und Geschwindigkeit zu einem Ganzen zusammen. Traumhaft sichere Abläufe, hunderttausend mal trainiert und zur Perfektion geführt. Die Zeichnungen, obwohl thematisch ähnlich, gleichen sich untereinander kaum. Immer wieder neue Charaktere, neue Instrumente, neue Haltungen beim Musizieren und neue Möglichkeiten der Bewegung.
Ob Gertrude die großformatigen Pinselzeichnungen auf ähnliche Weise aufs Papier fließen lässt? Man könnte es fast vermuten.
Ihre Entwicklung ist im Laufe der Jahre von 'schwarz' nach 'farbig' gegangen und hat sich von der Radierung zur Pinselzeichnung verlagert. Dem Wunderland ihrer Themen und Charaktere ist sie jedoch stets treu geblieben.
Egal in welcher Technik, Hauptsache Sie werden uns weiterhin, liebe Gertrude Degenhardt, mit traumhafter Eleganz und einem Schuss beißender Ironie, bei gebotener Diskretion, einen skurrilen, erotisierenden Drink, der 'kürzer als eine story' sein muss, als 'amuse geule' für Leib und Seele kredenzen.

Slainte! Bevor ich auf Ihr Wohl trinke, noch ein Gedicht von Andreas Altmann - seines Zeichens Lyriker, Privatchauffeur, Strassenbauarbeiter, Nachtportier, Postsortierer, Parkwächter, Fabrikarbeiter und vieles andere mehr:



8. Lebensfischer

Du hebst für sie den Vorhang
Mit leichter schwerer Hand
Du führst sie durch die Räume
Groß und nah und unbekannt
Du bist an ihrer Seite
Sie finden ihre Weite
Für sie bleibst du zurück
Sie gehen dir nach ein Stück

Du zeichnest, was du siehst
Hinter den Augen
Sie sehen, was sie waren, was sie sind
Du zeichnest, was dich treibt
Und immer
Wenn das Leben dich erinnert
Suchst du den Worten Bilder
Dass es bleibt

Du steigst in die Geschichte
Und gräbst nach ihren Leichen
Lässt ihren Geheimnissen den Ort
Und was dich trägt und hält
Es wird nicht weichen
Und manchmal zieht es dich
im Schweigen fort

Du stehst in deinem Schatten
Die Himmel sind sich gleich
Die deine Augen hatten
Wurden an ihnen reich
Das Licht bewegt den Körper
Zieht deine Wege breit
Die Augenblicke
Drängen in die Zeit

Das ausführliche (24-seitige) Porträt von mir über Gertrude Degenhardt findet ihr im

Muschelhaufen Nr. 47/48-2007




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